Assimilation

Der soziologische Begriff Assimilation beschreibt den Prozess der Angleichung einer gesellschaftlichen Gruppe an eine meist dominante Mehrheitsgesellschaft. Im Kontext jüdischer Geschichte im 19. Jahrhundert vollzog sich dieser Prozess auf kultureller, struktureller und sozialer Ebene. Mit den Gesetzesreformen bis 1871 wurde eine sukzessive Verbesserung der politischen und öffentlichen Teilhabemöglichkeiten jüdischer Menschen in der deutschen Gesellschaft erkämpft. Besondere Aufstiegsmöglichkeiten boten berufsständische Organisationen wie Börsenkorporationen oder Industrie- und Handelskammern sowie das frühliberale Vereinswesen. Zugleich fand eine kulturelle Angleichung traditioneller Sitten und Bräuche statt. Sowohl in der synagogalen Liturgie, als auch in der Abkehr der strengen Einhaltung jüdischer Gesetze fanden radikale Reformen statt. Jüdische Gebete wurden zunehmend in deutscher Sprache gesprochen, und Rabbiner kleideten sich wie protestantische Geistliche. Eine wichtige Neuerung bildete die Einführung der Orgelmusik in den deutschen Synagogen. Manche Vertreter der jüdischen Reformbewegungen forderten sogar eine Abschaffung der Beschneidung neugeborener Jungen und die Verlegung des Ruhetags von Samstag auf den Sonntag.